Dass der Weg mit dem ersten Schritt begann, kann ich wirklich nicht guten Gewissens behaupten.
Es war viel mehr ein langsamer Prozess- eine Art hineinfühlen- in das Gefühl einen Fuß vor den anderen zu setzen, in das von außen aufs Leben schauen.
Unsere Nacht in Girona war das Symbol für das, was wir hinter uns lassen, das Alte, vielleicht Schöne, vielleicht auch Belastende. All die Altlasten, Termine, Vorhaben, Pläne, Ideen, all das war präsent in jener Nacht und ich wollte nichts lieber als es sofort loswerden.
Womit ich in die erste Falle getappt bin. Krampfhaft frei werden zu wollen funktioniert einfach nicht. Das ist fast schon paradox.
Nach dem ersten Aufstieg der ersten Etappe hatte ich nur einen Gedanken „Na das kann ja was werden“. Und das wurde es. Unvergesslich.
Doch auch bei der zweiten Etappe lenkten die kleinen Wehwehchen von der eigentlichen Sache ab. Die Anstrengung löste eher Überforderung als wohlige Gefühle aus. Ich fragte mich oft, wie ich denn so eine tiefgreifende- vielleicht auch spirituelle- Erfahrung machen soll.
Ein Auszug aus meinen Notizen:
Etappe 3 ist geschafft, ich auch ordentlich. Nach drei Tagen auf dem Camino macht mir auch ein wenig die Belastung zu schaffen. Viel interessanter ist allerdings wie ich damit umgehe. Wie verhältst du dich, wenn du an körperliche Grenzen stößt? Wer bis du dann? Was ist dir wichtig? Das Ankommen oder die Aussicht? Schmerz oder Schönheit?
Um 3:56 Uhr machen wir uns aus den Federn. Ganz in unserer Mission gefangen mitten in der Nacht aufzubrechen, packen wir unser Zeug zusammen. Mit jedem Schritt entferne ich mich auch von dem, was ich in Cadaqués gestern gefühlt und erlebt habe; gewinne Abstand davon. Durch dunkle Gassen kommen wir zum Hafen und begegnen beschwipsten Bargängern auf dem Heimweg oder romantischen Sterneguckern am Meer.
Als wir den Aufstieg gen Küste nehmen, durchströmen Glücksgefühle meinen ganzen Körper. Wir beginnen das Licht des Vollmondes zu schätzen. Wir hören das hallende Bellen von Wildhunden. Oben angekommen sehen wir wie zartes Rosa die Nacht durchdringt und den Mond küsst, während Tag und Nacht ein Willkommen und Abschied neu interpretieren.
Bei unserem Sonnenaufgangsfrühstück deluxe bin ich so zufrieden wie schon lange nicht mehr.
Der Camino schlängelt sich Küste um Küste durch Pinienwälder und Buchten. Atemzug um Atemzug beginne ich die Anstrengung zu genießen. Wir lassen die Hüllen fallen und springen ins kühle Nass. Die Erfrischung erfrischt auch den Geist und da spüre ich wie mein Körper und mein Geist sich langsam aus ihrem Egoismus befreien. Und weiter geht’s. Die nächste Herausforderung wartet nämlich schon hinter der nächsten Kurve.

05:57 Uhr, Cadaqués, Spanien



So eine Reise ist nicht immer nur da, um eine gute Zeit zu erleben, sondern auch um die eigenen Grenzen auszutesten. Nach zwanzig Kilometern und über acht Stunden Wanderung mit der Hand zu waschen, ein Zelt aufzubauen, kein Bett zu haben, auf welches man sich kuscheln kann, ist herausfordernd.
Es ging gar nicht ums Ankommen, sondern um den Weg. Damit, was er mit uns macht; was er uns bringt. Der Camino verzeiht keine Umwege. Er lässt dich dein Ego pushen, dann vergessen. Voller Ehrgeiz lief ich los, voller Demut blicke ich zurück.
Der Camino de Ronda ist so abwechslungsreich und vor allem leer. Auf dem ganzen Weg ist uns bis auf den ein oder anderen Mountainbikefahrer niemand begegnet. Wir hatten uns, unsere Gedanken, unser Schweigen, unser Lachen, unsere Tränen und eine unvergessliche Zeit.
Ich kann nicht sagen, dass ich eine klare Erkenntnis erlangt habe. Es ist viel mehr eine Mischung aus vielen kleinen Erkenntnissen und Momenten, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Einen Moment möchte ich auf jeden Fall mit dir teilen: Es war der Moment, als ich ich vor unserem Zelt mit improvisierter Wäscheleine stand und zu Hannah sagte „Schau mal, das ist alles, was wir haben.“ Es hat gereicht. Es war immer genug da. Und zum Glücklichsein bedarf es sogar noch weniger.
Etwa acht Kilo Gepäck auf dem Rücken. Etwa zweihundert Kilometer hinter uns. Und die etwa abenteuerlichsten Tage, die ich bisher erlebt habe.
Liebe Resi,
Wie wunderbar hast du deine Worte gewählt und die Quintessenz dieser Reise hier niedergeschrieben. Du versüßt mir den Tag mit jeder Silbe. Ich bin voller Vorfreude, bei dem Gedanken an die noch kommenden Reiseberichte.
Ganz viel Liebe geht raus.
Hannah
LikeGefällt 1 Person