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Rückblick

Hallöchen,

Ich melde mich nach langem Schweigen nun auch mal wieder zu Wort.

Ständig dachte ich mir im Stillen

„Hmm… so berichtenswert ist mein Alltag gerade nicht.“

Dann wurde mir bewusst, dass mein Alltag für mich eben alltäglich ist. Für dich aber wohl kaum. Also lass uns heute etwas aus dem Nähkästchen plaudern.

Fangen wir im August an. Der August in all seinen Höhen und Tiefen war ganz bestimmt einer der schönsten und auch emotionalsten Monate für mich in Sucre. Ich hatte wundervoll wertvolle letzte Momente mit meinen Herzensmenschen hier bevor ihre Zeit in Sucre vorüber war.

Der Abschied hat die Zeit nicht wie eine dunkle Wolke überschattet, viel mehr hat er mir die Kostbarkeit und Vergänglichkeit des Moments gezeigt.

Und als so die Kalenderblätter dahinflogen, hatte ich dann von einem auf den anderen Tag wieder ganz viel Zeit. Ganz viel Zeit für mich. Ganz viel Zeit für Neues.

Ein Tag in Potosí

Um fünf Uhr morgens sitze ich in der Flota auf dem Weg nach Potosí. Obwohl die Stadt im Vergleich zu den anderen Städten in Bolivien am nähesten ist, war ich noch nie dort. Das sollte sich heute ändern. Die dunkelblaue Kappe ziehe ich mir tief ins Gesicht, um noch ein bisschen mehr Schlaf abzubekommen. Als ich aufwache, strahlt bereits die Morgensonne hell über den Bergen des Landes. Die Landschaft ist atemberaubend schön. Karg und dürre ockerfarbene Weiten, die sich mit dunkelgrünen Kiefern mischen. Am Wegrand ein Haus aus Stein, davor ein Hund. Ein Mann mit Charango, einem kleinen Zupfinstrument aus den Anden, das an eine Ukulele erinnert, läuft gefolgt von zwei Eseln in der Ferne. Wir fahren durch die ersten Vororte von Potosí. Und dann erblicke ich zum erste Mal den Cerro Rico, den Berg von Potosí. Fluch und Segen zu gleich. Der Berg, der Menschen essen soll. In dem schon schätzungsweise 8 Millionen Menschen ihr Leben ließen. Der Berg, der löchrig wie ein Emmentaler ist und dessen Ressourcen seit etlichen Jahren ausgeschöpft werden. In dem heute immer noch 5.000 Menschen in den Minen arbeiten, ohne dabei zu wissen, ob sie heute wieder das Tageslicht erblicken werden. Ohne das alles so ganz genau zu diesem Zeitpunkt zu wissen, war es als könnte ich es spüren.

Cocakauend durch die Straßen schlendernd, scheint mir an diesem Tag die Sonne ins Gesicht. Und dafür bin ich dankbarer denn je.

Die Ensayos

Und dann kommt es, dass ich eines ruhigen Abends durch die dunkle Nacht zu einer Tinkuy-Tanzgruppe, die für die Entrada Mitte September probt, stapfe. „Hallo, ich bin Theresa. Ich würde gerne mit euch tanzen“. Manche Dinge dürfen so unglaublich leicht sein, wenn man sie einfach mal macht. Tinkuy ist ein Tanz, der aus dem Norden von Potosí kommt. Geprobt wird nicht in einem stylischen Tanzstudio, sondern mit Lautsprecher auf der Straße. Die ersten Proben bin ich davon irritiert, dass wir nur zu dritt tanzen, aber Abend für Abend gesellen sich mehr und mehr dazu, bis wir nach einigen Wochen eine ordentliche Truppe sind. Und so gestaltet sich dann jeder meiner Abende. Gute zwei Stunden lang die Seele hüpfend baumeln zu lassen.

Die Entrada

Die Entrada ist ein Umzug, bei dem bolivianische Folkloretänze getanzt werden. Das aber nicht, weil es so schön aussieht und Spaß macht, sondern zu Ehren der Jungfrau Guadalupe, die die Schutzpatronin Sucres ist.

Dann ist es auch schon so weit. Der Tag des Convite steht an. Das ist sozusagen die Generalprobe für Entrada. Nur, dass es schon einmal die ganze vier bis fünf Stunden lange Strecke durch die Stadt ist. Ich hatte selten so viel Spaß beim Tanzen wie an diesem Tag, bin aber auch selten so erschöpft danach gewesen. Ein langes Ausruhen gibt es aber nicht. Eine Woche später ist nämlich die richtige Entrada. Wir üben jeden Abend weiter bis die Füße nicht mehr können.

Den Tag der Entrada selbst kann ich kaum in Worte fassen. Es ist die große Vorfreude auf diesen Tag, gemischt mit Angst vor so vielen Zuschauern zu tanzen und auch etwas Trauer, weil mit diesem Tag auch die vielen Proben der letzten Wochen ihr Ende finden. Ich kann wirklich nur schwer beschreiben, wie ich mich fühle, als ich am Morgen der Entrada in meiner Tracht vor dem Spiegel stehe, vor Aufregung keinen Bissen herunterbekomme und einfach nur lostanzen will. Und wie ich am Ende an der Kathedrale den letzten Schritt tanze, denke ich, ich falle gleich um und kann nie wieder aufstehen. Es ist ganz bestimmt der größte Tag diesen Jahres für mich.

Día del Estudiante/Amor/Primavera

Eine der Dinge, die ich in Bolivien sehr mag, ist das alles Mögliche gefeiert wird und einen Ehrentag hat. Klar gibt es auch den Mutter- und Vatertag, aber eben auch noch ganz viele andere Tage, die groß gefeiert werden. Da war bisher der Tag des Kindes, der Tag des Lehrers, der Tag der Freundschaft…

Letzten Freitag fand dann der Día del estudiante, der Tag des Schülers statt. Das war ein einziges Schlaraffenland für die Kinder an der Schule. Es gab Hot Dogs und Süßigkeiten und Cola für alle. Und mit einem „Profeeeee, können wir bitte einen Film schauen? Es ist doch Tag des Schülers!“ ließen sich auch die Lehrerherzen erwärmen. Schmunzelnd erwischte ich mich bei dem Gedanken wie wir denn dann mit dem Stoff im sich dem Ende neigenden Schuljahr durchkommen sollen. Nein, nein, nein, ich wollte doch niemals solche Lehrersachen denken. Am Ende schauten wir dann also die Sonntagsmärchen Verfilmung von Rapunzel. Sehr pädagogisch sinnvoll mit spanischem Untertitel. Aber sonst hätte eben keiner den Film verstanden.

Mit dem Tag war es aber noch nicht genug. Am Samstag war nämlich dann der offizielle Frühlingsanfang. Wie bestellt mit lieblichen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein. Ich habe es sehr vermisst mit nur einer Decke zu schlafen und nachts nicht ans ernsthafte Erfrieren denken zu müssen. Was für ein Tag noch alles war, habe ich dann irgendwann nicht mehr durchblickt. Da auch der Tag der Liebe gefeiert wurde, von einigen ein zweites Mal der Tag der Freundschaft und der Tag der Jugendlichen war auch noch.

Tango

Da mir nach der Entrada das Tanzen so unglaublich fehlte, habe ich meiner Tangogruppe mal wieder einen Besuch abgestattet. Die Umstellung war groß vom Tinkuy, dessen Bewegungen an einen Kampf erinnern zum leidenschaftlichen Tango. Ich habe gespürt, wie sehr ich es liebe Tango zu tanzen. Gleichzeitig habe ich auch gespürt wie wenig Tango für mich mit Bolivien zu tun hat. Und wie ich den Tango wohl in Buenos Aires spüren würde, hier aber lieber in den Zapateo des Tinkuy hüpfen will. Mal schauen, was daraus noch wird.

Und sonst so?

War ich auf einer Taufe und einer Hochzeit eingeladen. Ich dachte, ich wäre schon auf Festen in Deutschland zu Gast gewesen, aber das ist alles absolut nichts im Vergleich zu einer bolivianischen Feier!

So das war nun ein klitzekleiner Einblick in meine letzte Zeit.

Ich drücke dich ganz herzlich aus der Ferne! Von Herzen alles Liebe!!

P.S. Es brennt immer noch…