Eine Straße, die den Namen Todesstraße trägt, mit einem Mountainbike zu bezwingen, hört sich neutral betrachtet ziemlich dämlich an.
Ich muss jetzt wohl nicht mehr sagen, was ich gemacht habe…
6:45 Uhr: Fünf waghalsige Europäer, darunter vier Briten und ich, und ein Guide, ohne den wir das Ganze wohl nicht so verletzungs- und unfallfrei überstanden hätten, machen sich auf den Weg zum Startpunkt der Todesstraße.
Diese 70 Kilometer lange Straße wurde in den 1930er Jahren von paraguayischen Kriegsgefangenen des Chaco Kriegs gebaut. Die Straße an sich verbindet La Paz und das Altiplano mit der Stadt Coroico in einer Region, die sich „Los Yungas“ nennt und der Beginn des Amazonasgebiets ist. Hunderte von Menschen sind auf dieser Straße in den Tod gestürzt.
Um an den Startpunkt zu gelangen, müssen wir erst einmal einen Teil der sogenannten „neuen Straße“ fahren. Diese wurde vor zehn Jahren gebaut, um weniger Menschen auf der alten Straße in den Tod zu schicken.
Startpunkt 4700 Meter: Mit meinem ganzen Equipment fühle ich mich als würde ich den Hells Angels persönlich angehören. Unser Guide Damian spielt dann auch noch passt fürs Gefühl Highway to hell. Er hat auf jeden Fall Lust, das steckt mich an.



Die ersten 8 Kilometer fahren wir also auf dieser wunderbar glatt asphaltierten Straße. Der eisige Winter schlägt in mein Gesicht. Die Aussicht ist atemberaubend. Die Morgensonne wärmt meine eingefrorenen Finger langsam auf, ich sehe die rauhen Berge um mich herum. Kurve um Kurve schlängelt sich Straße Richtung Yungas, die ich plötzlich hinter der nächsten Kurve erblicken kann. Sattes dunkelgrün erstreckt sich über das gesamte Tal. Am Straßenrand warnen uns die ersten Kreuze von Verunglückten.



Plötzlich sollen wir wieder ins Auto steigen, die Bikes werden aufgeladen und wir umfahren einen Teil. Und dann fühle ich mich als würden wir Kriegsgebiet einziehen. Hundert Polizisten stehen in schwarz mit Maschinengewehren und Schutzschildern am Straßenrand. Zur Sicherheit. So heißt es. Die Cocabauern aus den Yungas demonstrieren nämlich gegen ein Gesetz des Präsidenten. Demnach sollen die Cocablätter in den Yungas nur eine bestimmte kleinere Größe haben als die im Coca- Anbaugebiet Chapare, in dem der Präsident zufällig vor seinem Amt Coca Bauer war. Protestiert wird in Bolivien meist mit sogenannten Bloqueos, Straßensperren. Die Antwort der Regierung: den Aufstand, wenn nötig gewaltsam, niederzuschlagen.
8:30 Uhr: Sicher am Beginn der Todesstraße angelangt, gibt es das klassische bolivianische Frühstück: fade Brötchen, Margarine, klebrige Marmelade und natürlich Mate de Coca. Danach geht es so richtig los. Ich stelle schnell fest, dass mir die glatt asphaltierte Straße doch ein wenig besser gefallen hat, als die holprige schmale steinige Variante. Eine kleine Überraschung gibt es auch noch. Die alte Straße ist nämlich nicht für Autos gesperrt. Normalerweise fährt auch niemand mehr hier. Heute vermutet unser Guide aber mehr Verkehr, da es unsicher ist wie gut man über die neue Straße in die Yungas kommt. Ein bisschen mulmig wird mir spätestens, als uns der erste Laster entgegenkommt. Als wir ein wenig später an die wirklich schmalen Stellen gelangen, an denen ich mir nur schwer vorstellen kann, dass hier jemals auch überhaupt nur ein Auto entlangfahren kann, habe ich großen Respekt vor den Fahrern.




Ungefähr alle 15 bis 20 Minuten legen wir kleine Stopps ein. Damian erklärt uns dann, was uns auf der nächsten Etappe erwarten wird. Das Ganze untermalt er immer wieder mit den Namen, der jeweiligen Etappen. „Gleich kommen wir zum Cementerio (Friedhof). Hier ist ein Bus mit 60 Personen abgestürzt. Wundert euch also nicht über die unzähligen Kreuze am Wegrand.“ Oder „Die nächsten Kurven wurden nach den Nationalitäten der abgestürzten Mountainbiker benannt. Wir passieren gleich die bolivianische Ecke, die britische, die israelische, die deutsche…“ Moment mal! Fahrradfahrer sind hier auch abgestürzt?! Ich dachte das waren nur die ungeübten Autofahrer. Die Gruselgeschichten sind definitiv da, um uns zur Vorsicht und weniger Leichtsinn anzuhalten. Und es funktioniert. Die Konzentration ist geschärfter denn je.
Der schmalste und gefährlichste Teil der Todesstraße ist auch der spektakulärste. Hinter jeder Kurve wird es ein kleines bisschen wärmer. Es ist feucht. Wir passieren sprühende Wasserfälle und beeindruckende Klippen.
Es ist überwältigend wie nah dieser intensiv grüne Dschungel am kargen Altiplano liegt.



Uhrzeit?: Die letze Etappe führt auf einer gemütlich breiten steinigen Straße tiefer ins Tal. Inzwischen ist es noch feuchter und die Mittagssonne prallt auf uns. Die Straße führt an vielen Cocaplantagen vorbei.




Coroico 1700 Meter: 3000 Höhenmeter tiefer, fahre ich munter durch ein kleines Dörfchen, bis mir eine breit lächelnde Señora hinterher ruft, dass wir hier zu Ende sind. Da bin ich wohl glatt am Ziel vorbeigeschossen. Wir entledigen uns unserer Ausrüstung und genießen unser kühles Bier.





Nach einem großen Mittagessen, einem Hüpfer ins kühle Wasser und einer ausgiebigen Dusche hinterher, sitzen wir dann auch schon wieder in unserem kleinen Bus zurück nach La Paz.
Ich habe mir die Straße einfacher vorgestellt. Ich schätze, ich würde es nicht nochmal machen. Ich mag Fahrradfahren dann doch lieber etwas gemütlicher.
Aber es war grandios.
Ich hab’s gewagt. Und ich hab’s überlebt.
