Die Tage kurz vor Ostern mussten wir Noten eintragen und hatten alle Hände voll zu tun.
Da kam die Aufseher der Primaria, der Grundschule, mit seiner FC Bayern München Kappe in mein Klassenzimmer, grinste und verkündete munter:
„No hay clases mañana“. Also kein Unterricht morgen. Na gut, dann eben nichts wie weg hier.
Ich fuhr ans Terminal, kaufte mir eine Fahrkarte für den Nachtbus nach La Paz und stopfte meine sieben Sachen in einen Rucksack.
Auf einmal fing mein Herz wie wild an zu pochen.
Es war als würde ich mein kleines neues Zuhause verlassen und aus meinem sicheren Nest in die große weite Welt entschwinden. Wohlgemerkt von einer bolivianischen Stadt in eine andere. Aber nun gut, so hat es sich nun mal angefühlt.
Da saß ich dann im Nachtbus von Sucre nach La Paz und fühlte mich wie Indiana Jones persönlich.
Kleiner Exkurs zur Fortbewegung: Busse sind hier die gängige Verbindung, zwischen denen an der Hand zählbaren Städte in Bolivien. Und bis jetzt finde ich Busfahren hier auch noch ziemlich cool. Es ist kein Vergleich zu den grünen Riesen in Europa. Ich habe Platz, ich kann meinen Sitz in ein Bett verstellen und die Fenster öffnen, um frische Luft zu schnappen. Die Busse fahren meistens über Nacht, da Bolivien eben drei mal so groß ist wie Deutschland und demnach die Distanzen auch ziemlich groß sind.


Nun zurück zur Reise. Ich kuschelte mich in meinem Schlafsack ein, schaute noch Vicky Cristina Barcelona zu Ende (wer mir den Film erklären möchte, nur zu. Ich verstehe bisher nämlich den frauenverachtenden Pseudo-Tiefgang Woody Allens nicht) und schlief danach sofort ein. Als ich wieder aufwachte, erblickte ich die Morgensonne über El Alto. El Alto ist der auf 4000 Metern gelegene Vorort (oder eher Überort hehe) von La Paz, der genau genommen eine eigene Stadt ist. Das Klischee sagt: arm und indigen. Was ich aus dem Bus heraus gesehen habe, würde das bestätigen, ich bin mir aber sicher, dass das nicht alles ist. El Alto ist für mich noch einen eigenen Besuch wert. Dazu dann bald mehr.
Wegen Bestellung beim Universum (liebe Grüße an Hannah und Silke!) winken mir Melly und Lukas freudig zu, als ich das kleine Hostel betrat. Melly und Lukas habe ich kurz nachdem ich aus dem Flugzeug in Singapur gestiegen bin auf meiner Reise letztes Jahr kennengelernt. Wir haben ein bisschen die Unwirklichkeit Singapurs erkundet. Da die beiden damals erst im zweiten Monat ihrer Weltreise waren, haben wir uns ab und zu erzählt, wo wir gerade auf der Welt sind, um Flughafenwartezeiten ein wenig zu verkürzen. Inzwischen sind die beiden am Ende ihrer Reise und ich bin nach Bolivien gezogen. Und weil die beiden von Peru nach Chile in Bolivien auf der Durchreise sind, haben wir uns ganz spontan in La Paz getroffen.
Es war so wundervoll. Es gab so unglaublich viel zu erzählen. Und es tat richtig gut sich mit Menschen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen machen, aber eben auf ganz andere Weise.


So wurde aus dem Tag in La Paz ein sehr entspannter Tag. Mir war nicht nach „Sehenswürdigkeiten“ zumute. Viel mehr sind wir planlos durch die Straßen spaziert, waren schön Essen und Kaffee trinken. Wer bisher sich schon an meinen voll geschnauften Sprachmemos erfreuen durfte, die ich auf dem Weg zur Schule aufnehme und darum dachte Sucre sei etwas hügelig, die sei gewarnt. La Paz liegt wirklich am Berg. Und ich meine wirklich. Und dazu mit 3600 Metern auch nochmal ein bisschen höher als Sucre. Aber ich habe ja gerne Gründe munter Cocatee zu süffeln.
In La Paz gibt es zwar auch die Micro Busse, allerdings noch etwas viel genialeres:
Den Teleferico. Das Seilbahnnetz über den Dächern von La Paz.

Da dachte ich immer ganz postkolonial an ein armes Entwicklungsland. Falsch gedacht. Ich meine wie clever ist es denn, die Straßen zu entlasten, praktisch keine Wartezeiten für Fahrgäste zu haben, den CO2 Ausstoß zu minimieren und eine Lösung dafür zu finden, dass La Paz nun mal am Berg liegt. Und ein Heidenspaß ist es auch noch. Ich habe mich wie ein kleines Kind gefreut, mit dem Teleferico über die Stadt zu fahren.
Meine. Ersteinschätzung von La Paz ist, dass die Größe und der graue Muff es mir nicht so leicht gemacht hat, wie Sucre mich zu verlieben. Ich glaube, ich muss mir nochmal etwas mehr Zeit geben und die schönen Ecken finden.
Am nächsten Tag ging es dann nämlich zum eigentlich Ziel der Osterreise. Aber dazu morgen mehr.
