Unterschätzt.
Das trifft es wohl am ehesten, wenn ich an mein Visum denke. Klar, im Leitfaden zur Visumsbeantragung stand: „Lassen Sie sich nicht davon entmutigen, dass die Beantragung teuer, lange und nervenaufreibend werden kann.“ Ja gut, das hätte ich mal etwas wörtlicher nehmen können.



Ganz geschockt hielt ich nämlich vor drei Wochen den Wisch in der Hand auf dem stand, was ich alles für mein Visa por un año brauche. Zum Glück hat mir da Henrik, der andere kulturweit Freiwillige hier, mit seinem passablen Spanisch in der Migración ausgeholfen. Dann begann nämlich eine Odyssee durchs Krankenhaus, Bluttests, Banken, Notare, Polzeibehörden und noch mehr Polizeibehörden.
Das stand ich nun vor diesem riesigen Berg an Dokumenten, die ich benötige, um ein Jahr in Bolivien bleiben zu dürfen.
Johann, der Sohn meiner Vermieterin, hat mir dann erklärt, wie lange er braucht, um ein Visum für einen dreimonatigen touristischen Aufenthalt in Deutschland zu bekommen. Da wurde ich mir plötzlich wieder meiner Privilegien bewusst. Sehr selten muss ich mich, wenn ich verreisen möchte mit meinem deutschen Pass um ein Touristenvisum kümmern. Zumindest für Urlaubsaufenthalte und keine langen Reisen.
Am zweiten Tag meiner Behördenrennerei habe ich einen gedanklichen Schalter umgelegt. Mir wurde klar, dass ich das bolivianische System nicht ändern werde, nur weil ich mich darüber ärgere, dass ich beispielsweise vier verschiedene Führungszeugnisse brauche, obwohl ich noch nie vorher in Bolivien, geschweige denn, in Südamerika war.
Raus aus der Opferrolle. Get your power back!


Bei Interpol werde ich schon mit „Buenas tardes, Teresita“ begrüßt.
„In der Pasaje wohnst du also? Dann kann ich dich ja mal besuchen kommen.“
Äh ja, also eigentlich möchte ich einfach den Wisch in meinem Pass, damit ich ein Jahr hier bleiben darf.
Was soll ich sagen. Einen Monat lang hat mein Visum ein bisschen meinen Tag bestimmt. Wenn ich gerade daran zurückdenke, dass es für mich schon ein Riesending war in Deutschland mir ein deutsches Führungszeugnis zu organisieren, muss ich schmunzeln.
Jetzt kann ich mich nur dafür bedanken. Ich habe in kürzester Zeit sämtliche Wege, Behörden, Plätze und Fotokopierläden im Zentrum kennengelernt und kenne jetzt fast alle Straßennamen im Zentrum.
Und während ich in der ersten Woche Henrik als treuen Begleiter bei den Behörden dabei hatte, mache ich das inzwischen alles ganz locker selbst und komme dabei sogar mit meinem Spanisch ganz passabel durch.
Es scheint ein teures Privileg zu sein, ein Jahr hier sein zu können. Aber als ich beim Warten in der Migración das Touri Promo Video zu Bolivien in Dauerschleife angeschaut habe, wurde mir bewusst, wie gerne ich hier sein möchte.
Wie viel es noch zu sehen gibt. Und dass das alles noch auf mich wartet.
